Vom Widerstand zur Aussöhnung: Indigene Stimmen in Grüner Politik
Anfang März versammelten sich Forschende aus Finnland, Norwegen, den USA und Kanada im Rahmen einer Tagung des interdisziplinären Projekts „Greengrowth – Green Growth and Sámi Stakeholders“ am Finnland-Institut. Im Projekt wird untersucht, was „grüne“ Vorhaben für die samische Politik und das Handeln der Sámi bei der Nutzung natürlicher Ressourcen bedeuten – sowohl aus historischer Sicht als auch aus heutiger Perspektive. – Virva Hauvonen war bei der Publikumsveranstaltung dabei.
Im frühlingshaften Berlin kamen einige der insgesamt zwölf Forschenden des Projektteams zum Gedankenaustausch und zur Präsentation bisheriger Forschungsergebnisse zusammen. Auch weitere Interessierte konnten sich am 5. März im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung darüber informieren, welche Früchte Greengrowth bisher trägt. Als Vortragende traten Eli Skogerbø von der Universität Oslo, Pertti Ahonen, Gastforscher an der Universität Jyväskylä, Mark Kuhlberg von der Laurentian University in Ontario/Kanada, Timo Särkkä von der Universität Jyväskylä und Jukka Nyyssönen vom Norwegian Institute for Cultural Heritage Research NIKU auf. Höhepunkt des Seminars war eine abschließende, von Ahonen moderierte Podiumsdiskussion, an der außer den Vortragenden auch Katerina Tsetsura von der Universität Oklahoma aktiv teilnahm.

Green growth, Grünes Wachstum. Wenn es gelingt, das Wirtschaftswachstum vom Nettozuwachs der Treibhausgas-Emissionen abzukoppeln, kann man von Grünem Wachstum sprechen. Die offizielle Linie der Klimapolitik, die sowohl das EU-Mitglied Finnland als auch Norwegen verfolgen, geht davon aus, dass Grünes Wachstum angestrebt werden sollte und machbar ist. Die genannte Abkopplung ist allerdings noch nicht gelungen, und auch die energie- und mineralienreichen samischen Gebiete treffen auf eben dieses Dilemma: Wie sind ein teilweise auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruhender Lebensstandard und die wachsende Notwendigkeit, dem Klimawandel vorzubeugen, zu vereinbaren?
Die ökologische Modernisierung bzw. der Diskurs zur nachhaltigen Entwicklung, der mittlerweile in aller Munde ist, propagiert Grünes Wachstum als Motor des Grünen Wandels und als Lösung für dieses Dilemma. Dieser gesellschaftliche Diskurs beeinflusst die aktuelle Politik und damit auch sowohl das geschäftliche Umfeld als auch das Leben vor Ort.
Am Anfang des Seminars geht Skogerbø auf die grundsätzlichen Fragestellungen des Forschungsprojekts ein: Wie verändert sich der Umweltdiskurs und welchen Einfluss übt dies auf die politische Lage der Sámi aus? Welche Positionen und Aktionsformen bietet der Diskurs zum Grünen Wachstum den verschiedenen Interessengruppen – zu denen ja auch die Sámi zählen –, und wie ordnen die Interessengruppen ihre Eigeninteressen im Laufe der Zeit ein? Diese Forschungsfragen basieren auf der breiteren Diskussion zum Wiederaufkommen kolonialer Praktiken und dem Zusammenhang mit der umgesetzten Klimapolitik. Timo Särkkä behandelt in seinem historischen Überblick zum Mineralienabbau in den samischen Gebieten den diese Wechselwirkung beschreibenden Terminus „Grüner Extraktivismus“, also die Rechtfertigung der Ausbeutung natürlicher Ressourcen im großen Stil zu klimapolititschen Zwecken.
Das Forschungsprojekt Greengrowth bezieht sich auf Finnland und Norwegen. In beiden Ländern wurden inzwischen die Abschlussberichte der jeweiligen samischen Wahrheits- und Schlichtungskommissionen vorgelegt. Deren Zielsetzung bestand darin, die historischen und gegenwärtigen Erfahrungen der Sámi mit den sie betreffenden, eine aggressive Assimilationspolitik anstrebenden Maßnahmen der staatlichen Verwaltung und der Behörden sichtbar zu machen.
Die Kommissionen kann man als Auftakt für den historischen Aussöhnungsprozess (engl. Historical reconciliation) betrachten. Pertti Ahonens einschlägiger Vortrag bietet einen nützlichen Referenzrahmen zur Analyse der Greengrowth-Themensetzung. Der Schlichtungsprozess benötigt Zeit. Um die Aussöhnung zwischen Unterdrückten und Unterdrückenden voranzubringen, ist von Seiten der Gesellschaft vieles erforderlich: das geschehene Unrecht einzugestehen, Verantwortung zu übernehmen, das Vertrauen zwischen den Menschen zu stärken – und nicht zuletzt, dass überhaupt eine Vorstellung von einer möglichen gemeinsamen politischen Zukunft entsteht.
Es ist schwer einzuschätzen, wann der Aussöhnungsprozess bewältigt sein oder ob es bezüglich des historischen Unrechts je möglich sein wird, einen Schlusspunkt zu erreichen. Und vielleicht wäre Letzteres auch gar nicht erstrebenswert, man könnte die Aussöhnung vielmehr als offenen Prozess und fortschreitenden Dialog sehen. Auch der im deutschen Kontext verwendete Begriff der „Vergangenheitsbewältigung“ wird ja immer häufiger durch „Aufarbeitung der Geschichte“ ersetzt, was den Charakter der Aussöhnung wohl auch besser beschreibt.
Das abschließende Podiumsgespräch bringt die Bedeutung des Projekts Greengrowth für die Umsetzung einer auch unter sozialen Gesichtspunkten nachhaltigeren Klimapolitik und für die Förderung des gesamten Aussöhnungsprozesses in Erinnerung: Die wissenschaftliche Forschung hat in Norwegen ebenso wie in Finnland eine starke Position. Dies trägt entscheidend dazu bei, dass die Forschung zur Nutzung natürlicher Ressourcen, über die oft höchst unterschiedliche Meinungen verschiedener Interessengruppen bestehen, zu einer ausgeglichenen Entscheidungsfindung führt.
Die bei Greengrowth engagierten Wissenschaftler*innen haben größtenteils keinen Hintergrund als Angehörige der samischen Minderheit, sondern gehören der Mehrheitsgesellschaft an – was nicht automatisch als Schwäche zu betrachten ist. Aber leider ist das Interesse der Mehrheitsgesellschaft an den historischen und kulturellen Gebietsrechten von Minderheiten ja eine Voraussetzung für einen gelingenden Aussöhnungsprozess und eine nachhaltige zukünftige Entwicklung. Wissenschaftliche Arbeiten zu historischen und gegenwärtigen Ungerechtigkeiten gebe es reichlich, aber das Interesse in der Mitte der Mehrheitsgesellschaft komme nicht voran, stellt Skogerbø zusammenfassend fest. Es bleibt zu hoffen, dass Veranstaltungen wie diese am Finnland-Institut nicht die letzte ihrer Art sein werden und dass zukünftig noch ein breiteres Publikum erreicht werden wird. In der Marburger Straße zeichnete sich jedenfalls ab, dass Grund zur Hoffnung besteht.
Übersetzung aus dem Finnischen: Marion Holtkamp
Projektwebsite: GREENGROWTH – Green Growth and Sámi Stakeholders