„Element: Metall“ – Ildar Wafin als Residenzkünstler von Schloss Hollenegg for Design
Im September 2025 nahm der finnische Schmuckdesigner Ildar Wafin an einer Designresidenz im Schloss Hollenegg for Design teil, einem historischen Schloss in der Steiermark, Österreich. Sein Aufenthalt war Teil des jährlichen Residenzprogramm, das vom Finnland-Institut in Zusammenarbeit mit Schloss Hollenegg for Design unterstützt wird. Linnéa Sverker hat ein Interview mit Ildar Wafin geführt.
Die Residenz war der Materialforschung mit Schwerpunkt Metall gewidmet, ein Thema, das sich im Ausstellungsprogramm 2026 im Schloss Hollenegg fortsetzt. Während seines Aufenthalts arbeitete Wafin mit der traditionsreichen Wiener Silberschmiede Jarosinski & Vaugoin zusammen und entwickelte in enger Kooperation ein neues Metallkunstwerk. Das entstandene Werk wird im Mai 2026 im Rahmen der Ausstellung Element: Metall im Schloss Hollenegg präsentiert, zusammen mit weiteren Arbeiten, die sich mit Metall als Material, Handwerk und künstlerischem Ausdruck auseinandersetzen.
Trotz seines jungen Alters hat Ildar Wafin bereits mit Marken und Namen wie Louis Vuitton, Kalevala Koru, Rolf Ekroth, der Aalto-Universität und Jenni Haukio zusammengearbeitet. Er besitzt einen Bachelorabschluss in Schmuckdesign vom Lahti Institute of Design and Fine Arts und absolvierte während seines Studiums ein Auslandsemester an der Design Della Moda in Mailand. Zudem hat er einen Masterabschluss in Schmuckdesign und Metall vom Royal College of Art in London. Obwohl sich Wafins Studio in Helsinki befindet, lebt er derzeit in Mailand, wo er an seiner nächsten Kollektion arbeitet. Die meisten seiner Kund*innen sind in Finnland ansässig, er arbeitet jedoch auch international, etwa mit Kund*innen aus Deutschland und den Vereinigten Staaten. 2022 erfüllte er sich einen lang gehegten Traum und gründete seine eigene Marke, Ildar Wafin. Zwei Jahre später wurde er für den „New Talent“-Preis bei den Fashion Awards Helsinki nominiert, und gewann ihn.
Während seines Studiums in Lahti entwickelte Wafin seine gestalterischen Fähigkeiten mit starkem Fokus auf praktisches Arbeiten. Er lernte verschiedene Schmuckkomponenten, Techniken und Fassungsarten kennen. Bereits als Student nahm er am renommierten Modefestival in Hyères in der Villa Noailles in Frankreich teil, seiner ersten internationalen Schmuck- und Modeveranstaltung, und entwarf dafür seine erste Schmuckkollektion. Die technisch geprägte Ausbildung in Lahti unterschied sich deutlich von seinem Studium am Royal College for Art, das stärker philosophisch ausgerichtet war und sich mehr auf zeitgenössische Kunst konzentrierte.
2018 wurde Wafin von der Aalto-Universität kontaktiert, die ihn beauftragte, Ohrringe für Finnlands damalige First Lady Jenni Haukio zu entwerfen, die sie beim Empfang anlässlich des Unabhängigkeitstages Finnlands im Präsidentenpalast in Helsinki tragen sollte. Der Auftrag kam zustande, nachdem Emma Saarnio, Designerin des Kleides der First Lady, Wafins Arbeiten auf Instagram entdeckt hatte.
Während seines Masterstudiums 2020–2021 absolvierte Wafin ein Praktikum in der Abteilung für Schmuck und Modeaccessoires der Herrenmode bei Louis Vuitton. Dort lernte er, effizienter zu arbeiten, indem er Prozesse innerhalb des Designplans priorisierte, und Arbeiten so zu präsentieren, dass sie von Produzent*innen und Direktor*innen „verstanden“ werden können. Diese Erfahrung vertiefte auch sein Verständnis dafür, wie eine kohärente Kollektion konzipiert wird.
Wafin arbeitete außerdem 2022 und 2024 mit dem finnischen Modelabel Rolf Ekroth zusammen, zuletzt im August 2025 während der Copenhagen Fashion Week. Dort entwarf er gemeinsam mit der finnischen Designerin und Typografin Matilda Diletta eine Alphabet-Kollektion aus Ohrringen und Anhängern in Silber und Gold. Die vollständige Kollektion wird später im Jahr 2026 vorgestellt werden.
2024 entwarf Wafin die Schmuckkollektion Männyt (dt. Kiefern) für die finnische Schmuckmarke Kalevala Koru. Die Kollektion ist von der finnischen Natur inspiriert, insbesondere von den Kiefern der Schärenlandschaft und ihrer Fähigkeit, unter rauen Bedingungen entlang der felsigen Küsten Finnlands zu wachsen.
„Wir haben eine Verbindung zu einer finnischen Geisteshaltung geschaffen, nämlich zu großer Widerstandsfähigkeit.“
Die Kollektion verbindet traditionelles Handwerk mit zeitgenössischem Design und wurde aus recyceltem Silber gefertigt. Für Wafin wurde das Team von Kalevala Koru mehr als nur Kolleg*innen; er beschreibt sie als eine kleine Familie, da er ihre Fabrik häufig besuchte. Auf die Frage, ob er Unterschiede zwischen seinen verschiedenen Kooperationen bemerkt habe, erklärt er, dass jede Marke einzigartig sei und ihre eigenen Arbeitsweisen habe. Jedes Projekt biete seiner Ansicht nach eine ganz eigene Erfahrung.
Das Material, mit dem Wafin am häufigsten arbeitet, ist Silber, obwohl er davon träumt, mehr im Bereich Fine Jewellery zu arbeiten. Seine Stücke fertigt er mithilfe handgeschnitzter Wachsformen in unterschiedlichen Gestalten, eine alte Technik, die oft umfangreiche Vorarbeit erfordert. Zunächst entwickelt er ein Konzept und vertieft sich in Recherchen, inspiriert von Literatur, Poesie, Musik und Melodien, und nähert sich dem Prozess auf philosophische Weise. Anschließend skizziert er weiter und setzt seine Recherche fort, bevor er mit dem Schnitzen beginnt und in die dreidimensionale Welt eintaucht. Seine Schmuckstücke bestehen nicht ausschließlich aus Silber; er verwendet auch verschiedene Fassungsarten. Edelsteine wie Turmaline, Citrine und Saphire finden sich häufig in seinen Arbeiten. In früheren Kollektionen verwendete er zudem recyceltes 18-karätiges Gold.
Eine weitere Inspirationsquelle für eine seiner neuesten Kollektionen ist die tatarische Mythologie sowie deren Melodien und Musik. Wafin, der zur fünften Generation der Tataren in Finnland gehört und die Sprache spricht, hat sich intensiv mit seinem kulturellen Erbe auseinandergesetzt, das oft eine moralische Dimension trägt und über die Menschheit reflektiert. Viele Geschichten der tatarischen Mythologie handeln von Waldwesen, die mit Menschen interagieren und über magische Kräfte verfügen, die mit der Natur verbunden sind. Daher integrierte er verschiedene Naturelemente in seine Kollektion.
Derzeit beschäftigt sich Wafin mit dem Gefühl der Unvollkommenheit in seinem Schaffen. Er ist der Ansicht, dass er weder im Leben noch in der Natur einen statischen Zustand gibt.
„Es gibt keinen Moment, den man festhalten und zu dem man zurückkehren kann, weil sich alles verändert und bewegt. Alles entwickelt sich in gewisser Weise in die Zukunft. Wenn man am nächsten Tag im Wald dieselbe Blume im exakt gleichen Moment sehen möchte, ist das unmöglich, da sie ständig wächst, sich verändert und mit ihrer Umgebung interagiert. Deshalb glaube ich, dass es so etwas wie Perfektion nicht gibt, weil man niemals einen perfekten Moment haben kann. Alles ist im Wandel und in Bewegung. Unvollkommenheit ist etwas, das wir als Teil unseres Lebens annehmen sollten, und darin liegt eine Schönheit.“
Im Hinblick auf die Rolle Finnlands im Design ist Wafin der Meinung, dass die Finnen stolzer auf das reiche Design-Erbe ihres Landes sein sollten, etwas, das seiner Ansicht nach nicht immer der Fall ist. Er betont, dass viele Innovationen aus Finnland stammen und das Potenzial haben, globale Märkte zu erreichen. Zudem fordert er mehr Anerkennung und stärkere staatliche Unterstützung für finnisches Design. Zu seinen finnischen Vorbildern zählen Designer wie Rolf Ekroth, den er als zunehmend innovativ beschreibt, sowie Kalevala Koru, die sich seiner Meinung nach in einer spannenden Phase der Erneuerung befinden.
Wafin betrachtet die Residenz als eine perfekte Gelegenheit, eine, die jeder*r Designer*in brauche, da sie Motivation und Antrieb für die eigene Arbeit geben könne. Zuvor hatte er noch nie in größerem Maßstab mit Metallskulpturen gearbeitet, was ihm die Residenz ermöglichte. Er beschreibt die Zeit als eine ruhige Phase der Reflexion über seine künstlerische Praxis, wobei auch die Umgebung eine wichtige Inspirationsquelle darstellte.
„Schloss Hollenegg ist im Grunde wie ein Märchenland. Es ist so wunderschön dort. Die Geschichten hinter jedem Raum und jedem Objekt im Schloss zu hören, war unglaublich. Ich bin dem Finnland-Institut sehr dankbar für diese Möglichkeit und Alice Stori Liechtenstein für ihre Unterstützung und ihr Mentoring.“
Übersetzung aus dem Englischen: Linnéa Sverker
Ildar Wafins Residenz und Ausstellungsbeteiligung bei Schloss Hollenegg for Design findet im Rahmen der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Finnland-Institut statt. In deren Rahmen wurden bereits die Aufenthalte der finnischen Designer*innen Hanna-Kaisa Korolainen, Tuomas Markunpoika, Antrei Hartikainen, Jonas Lutz und Aoi Yoshizawa sowie die Präsentation ihrer Werke bei den Jahresausstellungen ermöglicht.