facebook twitter
post photo
Kati Kivinen, © Finnish National Gallery, Pirje Mykkänen

„Raum und Verständnis für Zerbrechlichkeit”

#Zusammenspiel: Anfang Juli 2020 wird in der Galerie im Körnerpark in Berlin die Ausstellung „Fragile Times – Zerbrechliche Zeiten" eröffnet, die, wie der Name andeutet, das zerbrechliche Verhältnis zwischen Mensch und Natur thematisiert. Die Thematik ist höchst aktuell, da besonders das Coronavirus manche finstere Zukunftsbilder gezeichnet hat. Die beteiligten Künstler_innen lassen jedoch den Kopf nicht hängen, sondern betrachten das Verhältnis zwischen Mensch und Natur mit ungewöhnlichen Mitteln. Pauli Orava, Volontär am Finnland-Institut in Deutschland, hat hierzu Dr. Kati Kivinen, Intendantin des Helsinkier Museums für zeitgenössische Kunst Kiasma, interviewt. Kivinen kuratiert „Zerbrechliche Zeiten" in Zusammenarbeit mit Dorothee Bienert, der Leiterin der Galerie im Körnerpark.

 

Wie kam es zu dieser Ausstellung?

Das Finnland-Institut hat sich mit Dorothee Bienert in Verbindung gesetzt und die Zusammenarbeit vorgeschlagen. Sie wiederum hat mich kontaktiert. Es ist auch nicht das erste Mal, dass wir als Kuratorinnen zusammenarbeiten. Wir haben uns schon Anfang der 2000er-Jahre kennengelernt, als ich noch bei „Frame“, der Anlaufstelle für finnische Kunstschaffende in Helsinki, tätig war. Schon 2007 haben Dorothee Bienert, der luxemburgische Kurator Enrico Lunghi und ich die Ausstellung „Don’t Worry – Be Curious! The 4th Ars Baltica Triennale of Photography“ mit nordeuropäischer Foto- und Medienkunst organisiert. Die Schau war dann in den nordischen Ländern, im Baltikum und 2008 auch in Berlin in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst NGBK zu sehen.

 

Woher kommt der Name „Zerbrechliche Zeiten“?

Im Sommer 2019 haben wir am Konzept gearbeitet und natürlich auch über den Namen nachgedacht. Wir kamen dann gemeinsam zu dem Schluss, dass die Schau sich mit dem zerbrechlichen, im Moment äußerst instabilen Verhältnis zwischen Mensch und Natur auseinandersetzen sollte, und kamen so auf „Zerbrechliche Zeiten“. Dieser Name hat im Laufe dieses Frühjahrs, in dem die Pandemie das Verhältnis völlig unvorhersehbar auf die Probe gestellt hat, eine ganz neue Dimension erreicht.

 

Das Wort „zerbrechlich” kann negative Vorstellungen hervorrufen – kann Zerbrechlichkeit auch etwas Positives an sich haben?

Ich selbst empfinde Zerbrechlichkeit nicht als etwas Negatives oder nicht einmal als Schwäche. Im Gegenteil: Für mich ist das Akzeptieren von Zerbrechlichkeit und dadurch zu lernen eine Art, die eigene Handlungs- und Denkweise zu verändern. Wenn wir Raum und Verständnis für Zerbrechlichkeit geben, können wir sowohl unser eigenes als auch das Wohlbefinden anderer, inklusive der nicht-menschlichen Gefährt_innen, verbessern!

 

Nach welchen Kriterien wurden die Künstler_innen ausgewählt?

Schließlich haben wir uns dafür entschieden, an die Konzeption hauptsächlich mit Input aus Berlin und Helsinki heranzugehen. Wir haben einander neue Künstler_innen aus beiden Kunstszenen vorgestellt. Dorothee Bienert kennt die zeitgenössische finnische Kunst recht gut, aber die neuesten Namen, mit denen ich selbst zum Beispiel in den letzten Jahren bei Kiasma gearbeitet habe, waren ihr nicht bekannt.

Wir haben im Laufe des Herbstes 2019 gemeinsam viele Ateliers in Berlin und Helsinki besucht, und für mich war es sehr ergiebig, manche jüngeren in Berlin wohnhaften Künstler_innen kennenzulernen. Die Berliner Kunstszene ist unglaublich vielfältig, hier wohnen und arbeiten Künstler_innen aus allen Ecken der Welt. In kleinerem Maßstab ist dieses Phänomen aber auch in Helsinki zu beobachten. Die Kulturszene der Stadt hat in den letzten Jahren angefangen, auf positive Weise multikulturell zu werden.

 

Im Ausstellungstext heißt es zum Beispiel: „Der allgemein verbreiteten Ratlosigkeit setzen die Künstler_innen ungewöhnliche Gedankenmodelle und spielerische Experimente entgegen.“ Wie spiegelt sich dies in den ausgewählten Werken wider?

Unser Thema, das instabile Verhältnis zwischen Mensch und Natur, ist durchaus ein ernstes und ruft bisweilen sogar Hoffnungslosigkeit hervor. Wir wollten aber keine Ausstellung organisieren, die sich nur aus der Perspektive von Hoffnungslosigkeit und Düsternis mit dem Thema beschäftigt. Hingegen wollten wir Blickwinkel mit ungewöhnlichen oder aus Vergangenem schöpfenden Interpretationen bieten oder solche, die eine andere Lebens- und Handlungsweise vorstellen.

Kati Roover, die aus Estland stammt und in Helsinki lebt, betrachtet beispielsweise in ihrem Video-Essay Do Rivers Really End von 2020 die konkrete und seelische Bedeutung der Flüsse im Menschenleben gestern und heute.

Sara Rönnbäck aus Schweden wiederum wohnt auf dem Land und holt das Material für ihre Kunstwerke direkt aus der umgebenden Natur. Rönnbäcks Werke sind wie schöne Altäre – aus Steinen, Blumenblättern, Stroh − wie für ein unbekanntes Ritual geschaffen.

Die Norwegerin Ingrid Torvund lässt ihre von Sci-Fi-Filmen inspirierte Bildsprache auf einheimische mythologische Tradition stoßen. In Torvunds Werken abenteuern fiktive Gestalten aus anderen Welten durch den norwegischen Urwald, der verschiedenen Wesen gleichzeitig als sicheres Zuhause, aber auch als Ort mysteriöser Rituale dient.

Die Werkreihe Mngrv der Berlinerin Susanne Kriemann von 2019 betrachtet den Weg des auf den Spuren des Menschen in die Mangrovenwälder Indonesiens und Sri Lankas gelangten Kunststoffs. Das wegen seiner Formbarkeit beliebte Material verformt sich auch noch, nachdem der Mensch es in der Natur zurückgelassen hat. Dieses „neue Leben” weggeworfenen Kunststoffs in den Wurzelstöcken der Mangrovenwälder zeigt Kriemann in ihren Fotos und Installationen.

 

Was für Gedanken soll die Ausstellung bei den Besucher_innen wecken?

Wir hoffen, dass unterschiedliche Perspektiven zum Miteinander zwischen Menschen und nichtmenschlichen Wesen auf der Erde entstehen. Durch die Erweiterung des Blickwinkels vom Menschen her auf andere Spezies – Tiere, Pflanzen, aber auch Materialien und Erkenntnisweisen – können wir unsere etablierten Gedankenmodelle infrage stellen. Wenn wir Raum für neues, ungewöhnliches, aus der Existenz nichtmenschlicher Akteure entspringendes Wissen und Denken schaffen, können wir neuartiges Verständnis von Arten, Kulturen und Welten erreichen.

Ich sehe die Kunst und die Künstler_innen als Vorläufer_innen, wenn wir in unserem postfossilen Zeitalter das nachhaltige Miteinander zwischen den Arten suchen. Künstler_innen können Wissen und Beispiele aus dem Brauchtum, aus dem Verhältnis indigener Völker zur Natur und aus den durch geistiges und nichtmenschliches Wissen entstehenden Möglichkeiten ableiten. Dadurch können sie uns neue Gedankenmodelle und Handlungsweisen vorschlagen, anhand derer wir sensibilisiert werden können,  das Gefühl zu bewahren, das unser Wohlbefinden und das unserer Umgebung beachtet.

 

Sie sind als Kuratorin der Sammlung des Museums für zeitgenössische Kunst Kiasma tätig. Wie hat sich Corona auf Ihre Tätigkeit ausgewirkt?

Dieses Frühjahr war natürlich in vieler Hinsicht außergewöhnlich, aber auch sehr lehrreich. Seit 18.3., als die Regierung die Finn_innen anwiesen hat, sich in freiwillige Quarantäne zu begeben, arbeite ich von zu Hause aus. Für uns im Museum bedeutete dies einen Riesen-Sprung in die Welt des Homeoffice, aber die Videokonferenzen und auch die virtuellen Kaffeepausen kamen überraschend reibungslos zum Laufen. Für mich war es schön, mich wegen der geringeren Anzahl an Besprechungen stärker auf die Arbeit an sich konzentrieren zu können. Allerdings war es frustrierend, Ausstellungen und Ateliers quasi gar nicht besuchen zu dürfen. Virtuelle Kunsterlebnisse können nur selten die Begegnung mit einem Werk im realen Leben ersetzen.

 

Seit Anfang Juni ist Kiasma wieder für Publikum geöffnet. Wie hat sich die Museumserfahrung der Ausstellungsbesucher im Vergleich zu der Zeit vor Corona verändert?

Den Mai über haben wir einen „sicheren“ Museumsrundgang für unsere Besucher_innen vorbereitet. Die Öffnungszeiten waren zuerst eingeschränkt, da wir sehen wollten, wie die Situation sich entwickelt. Zudem dürfen wir gleichzeitig nur eine bestimmte Anzahl an Besucher_innen reinlassen; momentan müssen sie sich darauf einstellen, ein wenig warten zu müssen. Im Museum weisen wir das Publikum auf den Sicherheitsabstand hin und versuchen, Kontaktsituationen auf ein Minimum zu reduzieren. In den Ausstellungsräumen sollte allerdings genug Platz sein, um jedem/jeder ein sicheres und ungestörtes Kunsterlebnis zu ermöglichen.

 

Was ist Ihrer Meinung nach das Bedeutsamste an der Zeit, in der wir gerade leben?

Meiner Meinung nach stellt dieses Frühjahr eine gute Möglichkeit dar, innezuhalten, da unsere konsumbehaftete Lebensweise, sowohl die materielle aber auch die geistige, einen Punkt erreicht hat, an dem die einzige mögliche Richtung die Hinwendung zu einer nachhaltigeren Lebensweise im Verhältnis zur Umgebung, zum Klima, aber auch zur Wirtschaft ist. Ich hoffe, dass die Bekämpfung des Klimawandels, die so erfolgreich begonnen hat, infolge der Pandemie nicht vergessen wird. Stattdessen sollten wir aus dem Ausnahmezustand eine Lehre ziehen, wie unsere Lebensweise sich verändern müsste.

—————–

Kati Kivinen ist promovierte Kunsthistorikerin und wohnt in Helsinki. Seit 2017 arbeitet sie als Kuratorin der Sammlung von Kiasma − Museum für zeitgenössische Kunst in Helsinki. Zu den neuesten von ihr bei Kiasma kuratierten Ausstellungen zählen unter anderem Coexistence: Human, Animal and Nature in Kiasma’s Collections, und There and Back Again: Contemporary Art from the Baltic Sea Region. Kati Kivinen war 2011−2017 Beiratsmitglied von IKT –International Association of Curators of Contemporary Art.

 

Übersetzung aus dem Finnischen (leicht gekürzte Fassung): Pauli Orava

Fragile Times – Zerbrechliche Zeiten ist vom 4. Juli bis 18. Oktober 2020 in der Galerie im Körnerpark, Berlin, zu sehen.

 

 

Pauli Orava hat an der Universität Tampere seinen Abschluss als Übersetzer (Russisch, Deutsch) und Sprachlehrer (Russisch, Deutsch, Schwedisch) gemacht. Von August 2019 bis Juli 2020 war er als Volontär am Finnland-Institut tätig.

Pauli Orava opiskeli kääntäjäksi ja kieltenopettajaksi Tampereen yliopistossa. Hän toimi harjoittelijana Suomen Saksan-instituutissa elokuusta 2019 lähtien heinäkuuhun 2020 saakka.