facebook twitter
post photo
© Finnland-Institut/Foto: Bernhard Ludewig

Mein Traumjob nah am Herzen der Kunst – und wie ich damit klargekommen bin

Mika Minetti war von 2020–2023 am Finnland-Institut tätig. Die Jahre waren durch die Unsicherheit charakterisiert, die Corona und die Kriege mit sich brachten, aber auch durch viele gelungene Projekte, die jeweils viele Menschen erreichten. In seinem Abschieds-Blogbeitrag erzählt Mika von dieser Zeit: von der Entwicklung von Kreativität und Krisenbewältigung mit Hilfe von Fantasie und gemeinschaftlicher Arbeit vom Homeoffice aus, von der Förderung der internationalen Mobilität in der Kunst und vom Anstoßen gesellschaftlicher Diskussion.

Zu Beginn meiner Tätigkeit als Kulturreferent am Finnland-Institut 2020 konnte ich noch nicht ahnen, was für eine turbulente Zeit der Menschheit bevorstand. Im Januar schaffte ich es noch, auf einer Dienstreise in Lübeck vorbeizuschauen, wo wir – u.a. zusammen mit der damaligen Institutsleiterin Laura Hirvi und der Botschafterin von Finnland Anne Sipiläinen – die Eröffnung der Fotoausstellung Frischer Wind aus dem Norden in der Kunsthalle St. Annen feierten. Einige von den Künstler*innen der Helsinki School waren ebenfalls anwesend. In dieser Schau untersuchten und dokumentierten die Künstler*innen die Natur – Wälder, Tiere und Landschaft – und hoben die Veränderungen unserer Umwelt auf ihre jeweilige persönliche Art und Weise hervor.

Anfang Februar 2020 besuchte ich anlässlich der Eröffnung der Designausstellung Wild at Heart die Stockholm Design Week; die dortige Präsentation der Schau war durch die Zusammenarbeit mehrerer Institute ermöglicht worden. Im August des Jahres war diese großartige, von Tero Kuitunen kuratierte Ausstellung – nach Überwindung zahlreicher pandemiebedingter Hürden – auch in der Kämp Galleria in Helsinki zu sehen, und wie ein Wunder führte ihr Weg von dort aus im Oktober noch nach Tokio. Ursprünglich hatte die Schau in Helsinki als Teil der großen Designmesse Habitare gezeigt werden sollen – nachdem diese jedoch pandemiebedingt abgesagt wurde, war dies nicht mehr möglich.

Wild at Heart (Eröffnung/avajaiset): Kati Laakso, Tero Kuitunen, Janne Airaksinen, Tuuli-Tytti Koivula & Mika Minetti, Kämp Galleria, Helsinki, 2020. ©️ Otto Virtanen

Dann endete das Reisen schlagartig. Eine fürchterliche Pandemie breitete sich global aus und kulturelle Einrichtungen, Institute, Museen, Galerien, Theater, Opern, Konzerthäuser, Restaurants, Bars, Clubs, Festivals, Fitnessstudios, Sporteinrichtungen, Stadien, Einkaufszentren, Läden und Kinos wurden geschlossen. Ich erinnere mich an jenen Morgen im März: In der einen Hand hatte ich die frisch gedruckte Einladung zu einer von uns organisierten Diskussionsrunde in Berlin mit dem Designer Klaus Haapaniemi, der Künstlerischen Leiterin der Berlin Design Week Alexandra Klatt und Laura Sarvilinna, der Künstlerischen Leiterin von Habitare. In der anderen hielt ich die Gästeliste für ein von uns geplantes Konzert und Networking-Event für Kulturpersönlichkeiten, das in der Residenz der Botschafterin Finnlands in Österreich, Pirkko Hämäläinen, stattfinden sollte. Beide Ereignisse wurden am gleichen Tag abgesagt, die Einladungen flogen in den Mülleimer und wurden nicht wieder herausgeholt. Ähnliches sollte noch häufig passieren. Die Kolleg*innen vom Finnland-Institut gingen zum Teil ins Homeoffice über, und unsere Teambesprechungen – wie überhaupt alle Arbeitstreffen – wurden von nun an per Zoom abgehalten.

Es begann eine in der Geschichte der Menschheit so noch nie dagewesene Zeit, was auch neue Herausforderungen für Finnlands Kultur- und Wissenschaftsinstitute mit sich brachte. Ich fand mich in der Rolle eines Kulturproduzenten wieder, für den die Pandemie bedeutete, für jede geplante Veranstaltung mehrere Budgets erstellen zu müssen. Deren jeweilige Höhe hing davon ab, ob es sich um eine Veranstaltung mit Publikum vor Ort handelte und aus wie vielen Personen dieses Publikum bestehen würde. Ich überlegte, ob die Veranstaltungen nur über Online-Kanäle stattfinden sollten oder ob ein hybrides Modell möglich wäre, wo wir vielfältigen Online-Content bereitstellen, gleichzeitig aber auch die Einladung einer eingeschränkten Anzahl an Besucher*innen zu Ausstellungen und Konzerten möglich machen könnten. Gleichzeitig war es auch wichtig abzuschätzen, für wie viele Veranstaltungen wir selbstständig Videos drehen oder beispielsweise Podiumsdiskussionen als Livestream bereitstellen könnten, und für wie viele es nötig sein würde, die entsprechende Technik zu mieten oder relevante Inhalte von externen Dienstleistern zu besorgen. Es dauerte nicht lange, da verwandelten sich die Mitglieder unseres Teams in Expert*innen der Krisenbewältigung, und wir bewegten uns von einer Veranstaltung zur nächsten; nichts außer der eigenen Vorstellungskraft stand uns im Weg.

Wie die meisten von uns sich bestimmt erinnern, richteten sich die Corona-Einschränkungen nach der jeweils aktuellen epidemiologischen Lage. Die Unvorhersehbarkeit dieser Einschränkungen verursachte wirklich Kopfzerbrechen. Trotz allem gelang es uns, im ersten Jahr der Pandemie 63 Veranstaltungen zu organisieren, die ein Publikum von insgesamt 45.000 Personen erreichten. Ich sehe das als großen Erfolg. Gleichzeitig mussten wir aber 48 bereits organisierte Veranstaltungen absagen – oder auf ungewisse Zukunft verschieben. Ich mag gar nicht daran denken, wie viel Arbeit deshalb umsonst geleistet wurde.

 

Together Alone: H-ome, Musiikkitalo, Helsinki, 2020 ©️ Katja Tähjä

Zu einem Highlight der Pandemie-Zeit zählte für mich das gemeinsame Projekt Together Alone des Netzwerks der Kultur- und Wissenschaftsinstitute Finnlands, das wir im Frühjahr 2020 starteten und über mehrere Jahre aktiv hielten. Ich gehörte zur Jury für die Ausschreibung, das heißt, ich durfte bei der Auswahl umsetzbarer Projekte mitwirken, die wir großzügig mit finanziellen Mitteln unterstützen wollten. Es gab eine unglaubliche Menge an Bewerber*innen – alleine im ersten Jahr 437 –, und alle von hoher Qualität. Offensichtlich bestand in der Pandemie großer Bedarf nach gemeinschaftlichem Online-Arbeiten. Das Video H-ome des Choreografen Emrecan Tanis sprach mich beispielsweise auf mehreren Ebenen an, möglicherweise dank seiner einprägsamen Visualität. Es hat mich wahnsinnig gefreut, das Tanzstück in Herbst 2020 einem großen Publikum präsentieren zu können, als wir es neben weiteren umwerfend schönen Werken im Rahmen einer Open Air-Veranstaltung auf die Großbildleinwand des Helsinkier Musiikkitalo projizierten.

Auch die Gruppenausstellung Zerbrechliche Zeiten –  Fragile Times in der Galerie im Körnerpark in Berlin zur – wie der Name schon andeutet – fragilen Beziehung zwischen Mensch und Natur wurde zum Publikumserfolg. Seit der Eröffnung im Juli 2020 erreichte sie über 16.000 Kunstliebhaber*innen. In einer Zeit, in der die globale Pandemie unsere Welt erschütterte, erreichte die kuratorische Arbeit von Dorothee Bienert und Kati Kivinen neue Dimensionen. Die Ausstellung bot einen ruhigen Rückzugsort inmitten des alltäglichen Chaos – um innezuhalten, über die Zerbrechlichkeit des Lebens nachzudenken und eigene Handlungs- und Denkmuster neu zu bewerten.

 

Zerbrechliche Zeiten – Fragile Times (Eröffnung/avajaiset), Galerie im Körnerpark, Berlin, 2020 ©️ Bernhard Ludewig

Obwohl die Pandemie weiterhin zerstörerisch durch das Land fegte, gelang es uns 2021, ganze 204 Veranstaltungen zu organisieren, im Jahr 2022 sogar 337. Besonders unser Förderprogramm TelepART erfreute sich zunehmender Beliebtheit bei darstellenden Künstler*innen und Wissenschaftler*innen. So wurden Theater-, Performance-, Zirkus-, Burleske- und Musikstücke mit finnischer Besetzung nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und der Schweiz gezeigt. Im Rahmen dieser internationalen Zusammenarbeit unterstützten wir auch die Auftritte deutschsprachiger Künstler*nnen in Finnland. Für die Realisierung unseres Programms erhielten wir außerdem außergewöhnlich viele Fördergelder, unter anderem von der Jenny-und-Antti-Wihuri-Stiftung, der Finnish Cultural Foundation, der Saastamoinen-Stiftung und der Alfred-Kordelin-Stiftung. Das Einwerben von Geldern für unterschiedliche Projekte machte einen wichtigen Teil meiner Aufgaben am Finnland-Institut aus.

Aus jenen Jahren sind mir besonders eindrücklich die Veranstaltungsreihe A I S T I T / coming to our senses in Erinnerung geblieben – siehe hierzu im Folgenden – wie auch die elegant verwirklichte Ausstellung Nature Morte – Still Alive in der Stadtgalerie Kiel, kuratiert von keiner Geringeren als Ritva Röminger-Czako. Auch an die farbenfrohe Ausstellung des Graffiti-Künstlers EGS in der Galerie Urban Spree in Berlin erinnere ich mich gern zurück. Ich drehte damals in Zusammenarbeit mit meiner Kollegin Mikaela Mäkelä ein Präsentations-Video zu diesem „finnischen Banksy“, das weiterhin auf dem Youtube-Kanal des Finnland-Instituts zu sehen ist. Wir interviewten dafür den Kunstsammler Timo Miettinen, dessen beeindruckende Sammlung im Salon Dahlmann in Berlin zu erleben ist. Zur Eröffnung der Schau von EGS gelang es mir sogar, Maria und Peter Didrichsen zu locken, die am selben Tag am Finnland-Institut zu Besuch gewesen waren. Im Sommer 2024 wird nun im Kunstmuseum Didrichsen die Ausstellung Embassy of EGS zu sehen sein.

 

Kulturfestival Nordischer Klang, Greifswald, 2021 ©️ Taru Rantanen

Unter den deutschen Kulturfestivals war Nordischer Klang für mich ein äußerst willkommener Partner. Zusammen mit den Kolleg*innen aus Greifswald organisierten wir einen Wettbewerb zur Gestaltung des Festivalplakats, da Finnland 2021 bei Nordischer Klang thematisch im Fokus stehen sollte. Das Rennen machte die 24-jährige Studentin Taru Rantanen mit ihrem sympathisch anmutenden, mit Tierzeichnungen versehenen Plakat. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass die Verbindung des Festivals zu Finnland stets auch durch den Festivalleiter Professor Marko Pantermöller und seine bedeutende Rolle auf dem Gebiet der Fennistik gestärkt wird.

In Sachen zeitgenössischer Zirkus war es mir eine große Freude, unter anderem mit dem Theater Chamäleon Berlin zusammenzuarbeiten. Mein besonderer Dank gilt der künstlerischen Leiterin des Theaters Anke Politz sowie Lotta Nevalainen von CircusDanceFinland, der finnischen Informationszentrale für Zirkus und Tanz. 2023 war das Finnland-Institut erstmalig an der Gründung einer Residenz für Zirkuskünstler*innen beteiligt. So konnte die finnische Künstlerin Vilhelmiina Sinervo die deutsche Zirkuskunst-Landschaft durch einen mehrwöchigen Aufenthalt kennenlernen.

 

Art Basel: Mika Minetti & Anu-Maaria Calamnius-Puhakka, Basel, 2022 ©️ Mika Minetti

Ganz große Klasse war für mich die umfangreiche Kennenlerntour durch die Schweiz 2022 zusammen mit dem neuen Leiter des Finnland-Instituts Mikko Fritze. Wir wurden überall herzlich empfangen und gelangten im Rahmen der Reise sogar per VIP-Einladung auf die Messe Art Basel. Dort bestaunte ich zusammen mit unserer Ansprechpartnerin in der Schweiz Anu-Maaria Calamnius-Puhakka die angesagtesten – oder zumindest teuersten – zeitgenössischen Kunstwerke. Von finnischer Seite waren Werke von Kirsi Mikkola und Tom of Finland ausgestellt; in dem oben eingefügten Bild posieren wir vor einem Gemälde von Kirsi. Allerdings nahm keine einzige finnische Galerie an der Messe teil, so dass ich mich insgeheim fragte, ob finnische Kunst möglicherweise zu wenig kostet, um auf der Art Basel ausgestellt zu werden? Es ist dort in keiner Weise unüblich, für die Kunstwerke Millionen von Franken zu zahlen. Sonst würden die Aussteller*innen wahrscheinlich die hohen Teilnahmegebühren gar nicht stemmen können. In der Schweiz haben Anu und ich auch die von Vitra organisierten Sommerfeste genossen: Im Design-Museum auf dem Firmencampus in Birsfelden waren zahlreiche Perlen finnischen Designs ausgestellt, denn Vitra besitzt heutzutage die gesamte Skala der Produktion von Artek.

Ebenso gern blicke ich auf die mehrjährige Zusammenarbeit mit der Galeristin Anne Schwarz und der Kuratorin Christine Nippe zurück. Anne nahm den Künstler Aki Turunen nach unserer gemeinsamen Kuratorenreise nach Helsinki in ihre Galerie Schwarz Contemporary auf; Christine kuratierte für das Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst die unter anderem Werke samischer Künstler*innen umfassende Ausstellung Landscapes of Belonging zusammen mit Museumsleiterin Kathrin Becker. Mit Kathrin hatte ich bereits für die Ausstellung A I S T I T / coming to our senses fruchtbar zusammenarbeiten dürfen. Im Sommer 2021 bewunderten wir zusammen bei der Kunstbiennale in Helsinki die Videoarbeit Guhte gullá – Here to Hear von Outi Pieski und ihren Töchtern Birit und Katja Haarla. Christine und Kathrin hatten auf Einladung des Finnland-Instituts  an der zum ersten Mal überhaupt stattfindenden Biennale teilgenommen. Schön war es, diese mehrkanalige Videoarbeit im darauffolgenden Jahr auch in Berlin zu sehen.

Ich bedanke mich auch bei der Kuratorin Sylvia Metz für die vielseitige Zusammenarbeit: Die Ausstellung Family Affairs von Laura Kärki und Niina Lehtonen Braun bewegte Ende 2021 zahlreiche Besucher*innen des Kulturhauses Karlshorst. Ich war selbst gerührt, als der Leiter des Kulturhauses mir bei der Eröffnungsfeier auch einen Blumenstrauß übergab.

 

[Blogbeitrag noch nicht vollständig]

Übersetzung: Venla Eilenberger

 

Mika Minetti war von 2020–2023 als Kulturreferent am Finnland-Institut tätig.

Mika Minetti toimii Suomen Saksan-instituutissa kulttuuriohjelman johtajana vuosina 2020–2023.

Wir verwenden Cookies auf unserer Website, um Ihnen die relevanteste Erfahrung zu bieten
Weitere Informationen über die Verwendung Ihrer Daten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.