Sehen und gesehen werden: Basel Social Club
Ausstellen und Tee trinken – finnische Künstler zur Messewoche in Basel
Die Art Basel in Basel hat Freunde und Gegner. Für viele im Kulturbetrieb gehört die wohl wichtigste Kunstmesse der Welt zu den heißersehnten Terminen im Jahreskalender – nicht nur ein Handelsplatz für teure Bilder, sondern auch ein Branchentreffen, ein Spektakel, ein temporäres Museum mit Laufsteg und ein Party-Marathon. Für andere ist das Ganze eher ein anstrengender Menschenauflauf und ein Ort, an dem die Kunst ganz offen als Ware gehandelt wird und einiges an Aura einbüßt. So sagte der finnische Sammler Timo Miettinen kürzlich in einem Interview mit dem Magazin Monopol, er möge Messen nicht besonders und sei nur zweimal in seinem Leben auf der Art Basel gewesen. Wer es sich leisten kann und genug Vertrauen besitzt, ist jedoch dennoch präsent: Manche Käuferinnen und Käufer schicken ganz einfach Mitarbeiterinnen und Berater als Stellvertreter durch die Kojen der Galerien.
Auch wenn die Online-Showrooms von Kunsthändlern seit der Pandemie professioneller und selbstverständlicher geworden sind, auch wenn der klassische Kunstmarkt gerade unsichere Zeiten erlebt und Künstlerinnen und potenzielle Sammler auf Instagram zusammenfinden: Die Art Basel ist immer noch einer der wichtigsten Knotenpunkte der zeitgenössischen Kunstwelt, wo Sichtbarkeit eine knallharte Währung ist. „Für uns hat die Bedeutung der Art Basel in den letzten Jahren eher noch zugenommen“, sagte der Galerist Arne Glimcher von Pace im Juni 2025 der NZZ. „Früher flogen die großen Sammler mehrmals im Jahr zu uns nach New York. Dies ist nun weniger der Fall, dafür kommen sie zu jeder Kunstmesse.“
Aber nicht jeder kann es sich leisten, auf der Art Basel präsent zu sein; weder als Publikum noch als Aussteller. Für Galerien, die sich für die Messeteilnahme bewerben wollen, ist der Auswahlprozess äußerst streng und der finanzielle Aufwand enorm. Auf der Teilnehmerliste 2025 fanden sich keine Galerien aus Finnland, und auch für die Künstlerinnen und Künstler des Landes ist der große Messe-Auftritt eher die Ausnahme als die Regel.
Da eine Präsenz in Basel zur Messewoche jedoch symbolisches und tatsächliches Gold wert ist, hat sich rund um die Art Basel inzwischen ein ganzes Kunst-Ökosystem gebildet. Für den reisenden „Zirkus“ aus Museumsleuten, Sammlern, Kuratorinnen und Journalisten sind die Satelliten-Events der Art Basel inzwischen fast genauso relevant wie das Kerngeschehen in den Messehallen. Die kleineren Verkaufsplattformen Liste und Volta haben sich als Orte für Entdeckungen etabliert, die Institutionen fahren ihr bestes Programm auf, und die Digital Art Mile wirbt für die virtuelle Kunst als gleichberechtigte Ausdrucksform der Gegenwart. Aus all diesen Komponenten entsteht ein temporäres Kultur-Epizentrum, wie es so nirgendwo sonst auf der Welt existiert.
Ein Neuzugang im Schweizer Sommer ist der Basel Social Club, der 2025 zum vierten Mal gleichzeitig zur Art Basel stattfand. Dabei handelt es sich um eine so einfache wie effektive Idee, die in einer Gruppe aus Galeristen, Künstlerinnen und Kuratorinnen entstand: die Baselwoche brauche nicht einfach noch mehr Kunst, sondern vielmehr einen sozialen Ort, an dem Kunst die Menschen zusammenbringt.
In diesem Jahr fand der künstlerische Club in einem ehemaligen Bankgebäude in der Innenstadt statt und gehörte für viele Besucherinnen und Besucher zum Pflichtprogramm in Basel – ein beliebter Hybrid aus Party, Kontaktbörse, Performance-Festival und Rückzugsort. Für Künstlerinnen und Künstler war die gut besuchte Ausstellung (innerhalb einer Woche kamen rund 50.000 Gäste) außerdem eine Möglichkeit, ohne Vertretung durch eine der mächtigen Blue-Chip-Galerien im Umfeld der großen Messe präsent zu sein.
Mitten im Gewusel waren 2025 auch drei Positionen aus Finnland zu finden, die mit der Unterstützung des Finnland-Instituts und des Finnish Cultural Institute in New York neue Arbeiten zum Thema Wertesysteme schaffen konnten: Jaakko Pallasvuo, Nestori Syrjälä und Bogna Luiza Wiśniewska.
„Es gibt sicher Herkunftsländer, bei denen es einfacher ist, als Künstler international wahrgenommen zu werden als bei Finnland“, sagt Nestori Syrjälä, der mit Skulptur, Performance und Video arbeitet. „Aber wir haben hier gute Institutionen, die auf verschiedene Weise dabei helfen.“

Auf Nachfrage erzählt Syrjälä, dass ihn am Basel Social Club vor allem der physische Raum, das labyrinthische Gefühl für die Besuchenden und die Geschichte des Gebäudes als ehemalige Bank interessiert habe. Sein Projekt bestand aus einer Performance, bei der der Schauspieler David Attenberger als angeblicher früherer Angestellter des Geldhauses „Gerüchte, urbane Legenden und ganz offene Lügen“ verbreitete. „Ich habe David viel Freiraum gelassen, damit er sich seine eigenen Gerüchte ausdenken konnte“, sagt Syrjälä. „So wurde es eine ziemlich chaotische Arbeit, die nicht unter meiner Kontrolle stand – was mir sehr gut gefallen hat.“
Auch Jaakko Pallasvuo schickte gewissermaßen einen Botschafter nach Basel. Seine Arbeit bestand aus Stickern in der Form avantgardistischer Pokerchips sowie der Audio-Installation Fortune, die vom Künstler Colin Self gesprochen wird. In dem Monolog geht es unter anderem um Risiko, Freundschaft, Schicksal und den Song The Joker der Steve Miller Band. Pallasvuo erzählt, dass die Einladung zum Basel Social Club fast gleichzeitig mit dem Auftrag für eine Arbeit in einem Casino in Malmö kam. Er nutzte diesen Zufall und produzierte kurzerhand zwei Versionen von Fortune. Welche wo zu hören war, entschied er passenderweise per Münzwurf.

Mit dem Kunst-Comic-Account @avocadoibuprofen hat Jaakko Pallasvuo über 120.000 Follower. Er ist also das, was man einen digital überaus gut vernetzten Künstler nennen kann. Trotzdem sagt er, dass sich die Online-Präsenz nur schwer in tatsächliche Ressourcen umwandeln lässt. Auch deshalb seien physische Mobilität und Zusammenkünfte wie in Basel wichtig. „Ich glaube, dass alles in der Kunstwelt durch persönliche Beziehungen geschieht“, sagt er. „Daher scheinen Veranstaltungen, bei denen Menschen denselben Raum teilen und diese Begegnungen haben, notwendig zu sein und können möglicherweise ein Gegengewicht zu dem entfremdenden, maschinellen, schlampigen Zustand der aktuellen Social-Media-Plattformen sein.“
Dieser Einschätzung schließt sich auch die dritte im Basel-Bunde, die Künstlerin Bogna Luiza Wiśniewska, an: „Die finnische Kunstszene ist lebendig, aber relativ klein“, sagt sie. „Daher können Ausstellungsmöglichkeiten im Ausland dazu beitragen, ein breiteres Publikum zu erreichen und Verbindungen aufzubauen, die für die Zukunft wertvoll sein können.“ Für den Social Club schuf die Künstlerin ein Werk, das ebenfalls den Aspekt des Zusammenkommens und der Gastfreundschaft betonte: einen Teebrunnen mit dem Titel May fortune smile upon you, eine Serie von Tassen und ein Gemälde. „Es ist wichtig, Menschen zu treffen, Tee anzubieten und Raum für gemeinsame Entschleunigung zu schaffen – etwas, das online nicht vollständig möglich ist.“
Wie viel Ruhe die Gäste tatsächlich im Basel Social Club gefunden haben, kann nur jede und jeder für sich selbst beantworten. Mirjami Schuppert, Programmreferentin am Finnland-Institut in Berlin, erzählt jedenfalls, dass ein solcher Andrang und eine solch aufgekratzte Atmosphäre bei einem Kunstevent in Finnland nicht denkbar wären. Und während der Kunstzirkus längst in die Sommerfrische weitergezogen ist – vorzugsweise auf die griechische Insel Hydra –, wird Basel als Eindruck bei vielen wohl noch lange hängen bleiben. Nicht nur als neues Bild an der Wand, sondern auch als Erinnerung an künstlerische Gastfreundschaft und Begegnungen.
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Die Präsenz der drei Kunstschaffenden aus Finnland beim Basel Social Club war Teil von pARTir – Creating a Cultural Roadmap Towards Responsible International Mobility, einer gemeinsamen Initiative der Kultur- und Wissenschaftsinstitute Finnlands 2024–2025 mit dem Ziel, nachhaltige internationale Mobilität zu fördern. Finanziert wurde pARTir durch die Europäische Union – NextGenerationEU.